21. Oktober 2014

Kritik: Wolf Creek 2


[...] Knapp acht Jahre später kehrt der Regisseur nun zum Wolf Creek zurück. Oder besser: Er kehrt zu Mick Taylor zurück; und darin liegt vielleicht das erste der zahlreichen Probleme dieses Films. Während der Vorgänger den Schauplatz und dessen Natur zum heimlichen Hauptdarsteller kürte, verlässt sich „Wolf Creek 2“ von Anfang an darauf, den Human-Metzger als künftige Franchise-Ikone aufzubauen; quälend-scheiternde Oneliner und Rassismus-Motiv inklusive. Damit verschenkt McLean nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Backwood-Slashern, sondern geht zeitgleich auch eine ungute Komplizenschaft mit dem Sadismus seiner Hauptfigur ein: Obgleich bereits im ersten Teil nicht unproblematisch, waren die Gewaltszenarien dort vergleichsweise spärlich gesät und im jeweiligen Kontext gesehen sogar derart inszeniert, dass der Zuschauer Empathie für die Figuren entwickeln konnte. „Wolf Creek 2“ hingegen gefällt sich sichtlich im genüsslichen Nachstellen durchdeklininierter Szenen menschlicher Entwürdigung, und spätestens, wenn das Überfahren von Kängurus und das versehentliche Pfählen der Blondine als bloßer Kalauer taugen muss, ist die Schmerzgrenze überschritten. [...]

19. Juni 2014

Last seen: Resolution



Wer die Vermarktung und die ersten Minuten von RESOLUTION sieht, der glaubt zu wissen, worauf er sich da eingelassen hat: Die omnipräsente Waldhütte, Tonbänder und irgendwelche Gräber. Was soll in einem Genre, in dem der Affekt schon lange dem Effekt gewichen, und die Vergangenheitsbeschwörung -ob mit oder ohne Ironie-Brille- längst zum bloßen Selbstzweck verkommen ist, auch noch wirklich erstaunen? 

Es folgt: Ersteinmal nichts; ein Vakkuum. Die Antwort, die das Duo Benson/Moorhead mit ihrem Film auf die obige Frage finden, ist vergleichsweise kurios und doch absolut logisch: RESOLUTION ist eine Abkehr von der Fassade des Horrorfilms, hinzu den Mechanismen die dahinter liegen. Denn was überrascht denn noch? Welche Erwartungshaltung diktiert der Zuschauer Film, wenn er dessen Qualität behände an irgendwelchen Rastern zu messen versucht? Was ist sicher, was Vermutung, was Schablone? 

Am Ende kann man das Gesehene lediglich verfluchen, oder aber sich durch die Leerstelle(n) überführt fühlen - viel Platz für Zwischenräume lässt RESOLUTION mit seiner beinharten Konsequenz nicht. Horror ist, was du daraus machst.
8 / 10

18. Juni 2014

Last seen: Fack Ju Göhte


„Romeo und Julia“ darf den Aufhänger und Wendepunkt der Geschichte geben; eigentlich aber erzählt FACK JU GÖHTE eher von der widerspenstigen Zähmung, an deren erwartbaren Ende ein kreuzbraves Plädoyer für die Mitte und dazugehörigem Wertekanon, für größtmögliche Angepasstheit mit den dazu nötigen Scheuklappen, steht. Nur logisch also, dass die gutmenschelnde Referendarin hier ebenso domestiziert werden muss, wie der lederbejackte Rabauke - was kann schließlich schöner sein, als ein Reihenhaus im Grünen und die Verbeamtung? Ansonsten gibt’s die deutsche Interpretation von hipper Inszenierung und gewagte Witzen (die sagen tatsächlich "ficken"!), irgendwo zwischen Gastauftritten von Uschi Glas und Farid Bang. Paukerschreck reloaded. 
3 / 10

31. Mai 2014

Shorties: Don Jon


Angesichts der in Hollywood noch immer um sich greifenden Prüderie, erscheint der Versuch einer Abhandlung über die Sucht nach Pornographie das schillernde Kleid einer prominent besetzten RomCom überzuwerfen, durchaus spannend. Tatsächlich aber geht es Gordon-Levitt in seinem Regie-Debüt gar nicht so sehr um nackte Titten, sondern mehr um den Einbruch virtueller Einflüsse in die Realität und die damit einhergehenden Veränderungen unserer Beziehungen. Weniger verkopft als Spike Jonzes HER, erzählt DON JON dabei über eine Scheinwelt, Einsamkeit und Bindungsängste: Zwischen Jon und seiner von (der omnipräsenten) Scarlet Johansson verkörperten vermeintlichen Traumfrau stehen Terrabytes an Internet-Videos, wie eine unüberwindbare digitale Mauer, an der sich die Realität stets messen lassen und scheitern muss.

So unverkrampft lässig, wie es der Off-Kommentar und der mit Erwartungshaltungen spielende Twist, Glauben machen möchten, ist all das aber nicht: Am Schluss steht doch wieder nur die Überführung in ein klassisches Beziehungsmodell, in welchem Sexualität gefälligst so gelebt werden soll, wie es die Allgemeinheit gut heißt. Wer hätte gedacht, dass ein Film, der mit haufenweise Pornoschnipseln beginnt, derart konservativ enden kann?
4 / 10
  

1. März 2014

Filmtagebuch Februar 2014


LES MISERABLES [USA 2012; Tom Hooper] -
Auf Oscar getrimmte Adaption des gleichnamigen Musicals: Die Besetzung stimmt, Hooper inszeniert mit großer Geste und wird dem pompösen Stoff somit durchaus gerecht. Wirklich berühren vermag all das letztlich aber nicht mehr.

GREENBERG [USA 2010; Noah Baumbach] -
Geerdet, unprätentiös, schön. Dürfte für den Schausspieler Ben Stiller zudem ähnlich wichtig sein, wie PTAs PUNCH-DRUNK-LOVE für Comedy-Kollegen Adam Sandler.

POINT BREAK [USA 1991; Kathryn Bigelow] -

Die Vorlage zum Autoporno 2 FAST 2 FURIOUS: Hübsche Menschen vor hübscher Kulisse im Kampf gegen Macho-Gehabe, hohe Wellen und flachen Plot. Erfreulicherweise aber weitaus weniger schlecht gealtert, als man gemeinhin denken könnte. Macht Spaß.

THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE
[I/D 1970; Dario Argento] -
Das beengende Korsett des Kriminalfilms hat Argento bereits in seinem Debüt aufgebrochen, gänzlich entledigt hat er sich von diesem aber erst nach und nach. In seinen besten Momenten gelingen ihm aber schon hier Bilder, die man nicht mehr vergessen kann.

THE IDIOT [J 1951; Akira Kurosawa] -

Dostojewskis Außenseiter-Geschichte wird von Kurosawa überaus ambitioniert variiert und um eigene Motive ergänzt. Durch die 100minütige Kürzung des Studios wirkt der Film stellenweise aber arg inkohärent und entfernt von der Vision des Regisseurs.

ROCK OF AGES [USA 2012; Adam Shankman] -

Das Hollywood-Jukebox-Musical zur Oldie-Rock-Radio-Nacht: Verspielt, eskapistisch, bunt. Wer nicht im Spießbürgermodus mit irgendwelchen Defintionen von Rock Beckmesser spielt, hat hier seinen Spaß. Nicht zuletzt dank Tom Cruise.

ROBOCOP [USA 1987; Paul Verhoeven] -

Verhoevens Zynismus muss einem liegen, hier fügt er sich aber hervorragend in den Entwurf einer Dystopie ein, die soweit von unserer Realität nicht mehr entfernt scheint.

STARSHIP TROOPERS [USA 1997; Paul Verhoeven] -
Verhoeven #2 diesen Monat. Hatte ich cleverer und scharfzüngiger in Erinnerung, ist aber eigentlich nur eine recht platte, aber zumindest unterhaltsame Abrechnung mit Militär und Obrigkeitsstaat.

THE LAST PICTURE SHOW [USA 1971; Peter Bogdanovich] -
Ein Kino im wörtlichen Sinne als Spiegel einer Gesellschaft und ihrer Probleme. Faszinierend, dass ein Film aus den 70ern über die 50er, auch heute noch so aktuell erscheint. Völlig zurecht ein Klassiker des New-Hollywood-Films.

SEX AND THE CITY - THE MOVIE [USA 2008; Michael Patrick King] -
Der Vorwurf, der Film wäre nur eine gestreckte Serienfolge, ist ebenso wenig von der Hand zu weisen, wie jener über den massenmarktkompatiblen Verzicht auf allzu deutliche Dialoge und Bilder, als Fan-Service funktionieren Carrie & Co aber auch im Kino.

SEX AND THE CITY 2 [USA 2010; Michael Patrick King] -
Schwer zu sagen,wo die SATC-immanente Überzeichnung aufhört, und die unschöne Arroganz westlicher Blockbuster hinsichtlich des Umgangs mit fremden Kulturkreisen, durchzuscheinen beginnt. Ansonsten ähnlich wie der erste Film-Ableger eher braver Nachschlag.

SOUND OF MUSIC [USA 1965; Robert Wise] -
Eskapismus in Reinkultur. Lieblingsfilm.

31. Januar 2014

Filmtagebuch: Januar 2014


Ein Hoch auf die geschmäcklerische Zwei-Satz-Bewertung!

RAMBO [USA/ 2008; Sylvester Stallone]
Verkauft als "Ballern mit Botschaft", eigentlich aber nur ein einfältiger und von westlicher Arroganz geprägter Dschungelreigen, in dem Sly nochmal seine Muskeln zeigen darf. Dümmer aber auch harmloser -weil unbedeutender- als einst FIRST BLOOD.

LINCOLN [USA 2012; Steven Spielberg]
Während der Abstimmung im Repräsentantenhaus blitzt kurz Spielbergs Könnerschaft auf; über weite Strecken aber ist LINCOLN nicht mehr als ein leidlich ambitionierter Schulaufsatz, der sich mit akurater Nachstellung zufriedengibt.

THE NEW WORLD [USA/GB 2005; Terrence Malick]
Die wunderschönen Bilder sind in steter Nähe zum Kitsch, trotz- oder gerade deshalb eine faszinierende Annäherung an den Pocahontas-Mythos und nicht zuletzt auch eine elegische Ode an die Natur. Malick kann's aber noch besser.

007: CASINO ROYALE [GB/CZ/USA/D 2006; Martin Campbell]
Die Entmystifizierung 007s so streitbar wie letztlich notwendig. Als Actionfilm am Puls der Zeit, der vergangenem Bond-Interieur folglich nur noch mit einer Mischung aus postmoderner Ironie und Verachtung begegnet, aber sehr gut. *Aufwertung*

JACK REACHER [USA 2012; Christopher McQuarrie]

Verfilmte U-Bahn-Literatur mit Cruise im Mittelpunkt: Bisschen konstruiert, aber der vergleichsweise ruhige Tonfall und der dezent-gute Einsatz von Actionszenen heben JACK REACHER dann tatsächlich aus der grauen Masse heraus.

THERE'S SOMETHING ABOUT MARY
[USA 1998; Bobby Farrelly/Peter Farrelly]

Komödien, die sich erst im vermeintlichen Tabubruch und Anarchismus suhlen, nur um alles schlussendlich in eine spießbürgerliche Ordnung zu überführen, sind ja immer recht verlogen. Trotzdem der einzig erträgliche Farrelly-Film.

BROKEBACK MOUNTAIN
[USA/CDN 2005; Ang Lee]
 
Gewinnt mit jeder weiteren Sichtung mehr meine Liebe. Neben der ja sowieso schon spannenden Western-Dekonstruktion gelingt Lee auch noch der Diskurs über das Individuum in der Gesellschaft und das ganz große Drama. Kino.

2. November 2013

Shorties: The Terror (1963)


Roger Corman nannte ihn im Interview mit der „Zeit“ einmal den verrücktesten Film seiner Karriere, und ein Blick hinter die Kulissen (die allesamt von zeitgleich abgedrehten Poe-Adaptionen stammten) und auf die illustren Namen, die auf dem Regiestuhl Platz nahmen, legen nahe, dass er damit nicht Unrecht haben mag: Francis Ford Coppola, Jack Hill, Cutter Monte Hellman und zu guter Letzt gar Hauptdarsteller Jack Nicholson versuchten sich an der Erzählung über einen französischen Soldaten und dessen Begegnung mit einer hübschen Unbekannten aus gutem Hause. 

Jene turbulente Produktionsgeschichte mag sicher ihren Teil dazu beigetragen haben, dass das Potpourri aus Märchen- Sagen- und Genremotiven dabei bisweilen kryptisch und wegen ständiger Wechsel im Tonfall -munter folgt hier barocker Friedhofsgrusel auf ausgehackte Augen- durchaus auch albern daherkommt. Mit den großen Genrefilmen seiner Zeit, die ihren übernatürlichen Horror immer auch als Symbol allzu menschlicher Probleme verstanden, hat dieser naiven Gruselquatsch folglich wenig zu tun. Den jungen Nicholson und Boris Karloff beim Wandeln in bunten Gewändern durch ausladende Requisiten zu betrachten, ist trotz aller Probleme -oder vielleicht gerade deshalb?- nicht ohne Reiz. 
5 /10

6. Oktober 2013

Shorties: Tenebrae



TENEBRAE sollte für Argento nicht nur die Rückkehr zum klassischen Giallo seiner Anfangstage bedeuten, sondern gewissermaßen auch ein Befreiungsschlag. Immer wieder betont der Regisseur, die Geschichte um den Autor zahlreicher Bestseller mit zweifelhafter Reputation, sei auch Resultat der stetig wiederkehrenden Misogynie- und Gewaltvorwürfe, von denen die Rezeption seiner Filme stets mitgeprägt war. Letztlich gerinnt das nur zur morbiden Pointe, und zuviel sollte man sich inhaltlich von TENEBRAE trotz solcher Anekdoten natürlich sowieso nicht erwarten: Abermals wird der Whodunnit-Plot von munteren Motivwechseln und aberwitzigen bis durchaus albernen Wendungen regiert - Dario Argento lebt für seine Bilder, nicht für die Handlungen, die diese leidlich zusammenhalten. Insofern durchaus erstaunlich, wenn nicht sogar etwas enttäuschend, dass TENEBRAE von einigen grandiosen Kamerafahrten und der geschickten Ausnutzung verschiedener Räumlichkeiten nebst passendem Soundeinsatz abgesehen, im Vergleich zu den vorherigen Ausflügen des Italieners in Welt des Übersinnlichen, fast schon nüchtern daherkommt.  
7 / 10