24. Februar 2011

Kurzkritik: Land of the Dead


Romeros schmerzlich unterschätzte Fortführung der bisherigen DEAD-Trilogie, die trotz der Bekenntnisse seines Regisseurs natürlich kein wirklich eigenständiges Projekt, sondern vielmehr die logische Konsequenz der drei Vorgängerfilme zu sein scheint: Während schon in DAY die Fähigkeit der Triebkontrolle und des Lernens eingeführt wurde, beschreibt LAND nun die Entwicklung zum zoon politikon, und stellt somit auch fernab bloßer Zahlenwerte endgültig das Kräfteverhältnis zwischen „Normal“ und „Unnormal“ in Frage. 
Stärker als jemals zuvor sympathisiert Romero dieses Mal mit der neu entstehenden Ur-Gesellschaft aus Untoten, während er der zum Rumpf verkommenen Menschheit nicht einmal mehr die Existenz innerhalb ihres kleinen selbstgeschaffenen Kosmos zutraut oder zugestehen möchte.

Damit ist LAND letztlich in der großen gesellschaftskritischen Tradition anderer Romero-Werke, dem in seiner Analyse kapitalistischer Vorgänge und Strukturen so etwas wie Altersmilde fern zu sein scheint: Seien es nun Leuchtraketen oder das Grundbedürfnis nach physischem Schutz – letztlich sind jene Betäubungsmittel für die Massen gegen Ende so sinnlos, wie anfänglich effizient – aus dem Grollen ist schon lange die unaufhaltsame Revolution erwachsen.
Fernab seiner eher global gehaltenen konsumkritischen Lesarten, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Schaffen des amerikanischen Filmemachers ziehen, greift LAND nun auch sehr deutlich und bewusst konkreteren Zeitgeist auf, und kann in all seiner bewussten Schablonenhaftigkeit und karikaturistischen Figurenzeichnung  auch als Analogie auf posttraumatische 9/11-Gebahren der USA, - irgendwo zwischen Paranoia und Kalkül - verstanden werden.

Letztlich nötigt Romeros Inszenierung von LAND auch außerhalb seiner Genregrenzen Respekt ab, beweist er doch auch nach über vierzig Jahren im Geschäft, dass er noch immer am Puls der Zeit ist: Sein vierter DEAD-Ableger greift auf andere Mechanismen und Techniken zurück, als es noch in den bisherigen Filmen der Reihe der Fall war, fühlt sich im direkten Vergleich deshalb auch wesentlich schneller und gehetzter an. 

Die Modernisierung an der Oberfläche tut Not, niemand weiß das besser als Romero selbst, der stets auch üblichen Genremaßstäben genügen, wenn sie nicht sogar ausbauen wollte. 
Tatsächlich schafft LAND jenen Spagat zwischen düsteren Zombie-Reißer und gewohnt scharfzüngig-schwarzhumoriger Zivilisationsabrechnung erstaunlich gut – ohne sein liebgewonnenes Inventar zu verraten, zeigt der Schöpfer des modernen  Zombiefilms allen MTV-ADS-Epigonen der letzten Jahre die kalte Schulter, und damit auch,  an wem sich Spartenkino wohl auch in den nächsten Jahren noch messen lassen muss.

8 / 10

Kommentare:

  1. Ich verstehe nicht, wie Romero als ernsthafter Zivilisations-, Medien-, Sozialkritiker gesehen werden kann. Spätestens nach Dawn bewegen sich seine Sichtweisen und inhaltlichen Umsetzungen auf Soap Opera-Niveau. Land war hinsichtlich dessen schon belanglos, getoppt wurde das nur durch Diary of the Dead, dessen Auseindersetzung mit modernen Medien genau das zu sein scheint, was sie auch ist: die Replik eines alten Mannes.

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  2. DIARY und SURVIVAL hab' ich noch nicht gesehen, dazu sage ich bis zur Sichtung in ein paar Tagen nix :P
    Naja, ich bin auch nicht der größte Fanboy von Romero, und ich würde auch gar nicht abstreiten wollen, dass die Grundmetaphern an denen sich seine Filme abarbeiten, letztlich relativ einfach strukturiert und offensichtlich sind. ABER für mich persönlich - ohne da einen Anspruch auf Objektivität erheben zu wollen - haben die DEAD-Teile trotzdem eigen gewissen Reiz und Wert, weil sie zum Einen seit jeher den Willen zeigen, eben mehr als effektorientierter Horror zu sein, zum Anderen, weil sich das Universum innerhalb der Reihe so schön selbst weiterdenkt.

    Natürlich ist es fraglich, ob nicht gerade DAWN überinterpretiert wird, aber selbst wenn: Schlimmstenfalls bliebe immer noch ein wütender Protest, in einer Zeit, in der Leute wie Snyder das Genre vollkommen entpolitisiert haben.

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  3. @ JMK

    Nun, ich habe die Untoten-Filme bisher auch nur bis LAND gesehen (den ich etwas enttäuschend fand), aber ich muss doch immer wieder erstaunt feststellen, dass vielerorts das Missverständnis herrscht, die möglichen Lesarten von Romeros Filmen würden durch die von ihm direkt herausgearbeiteten Meta-Ebenen bestimmt bzw. seien durch seine Herausarbeitung erschöpft. Auf solche Fragen von Interviewern, wie in Cannes anno´'79 auf DAWN befragt, antwortet Romero regelmäßig, dass seine Filme bezüglich der Botschaft doch "plakativ" und geradezu "simpel" seien. Die Explikation des Schreckens und der Gewalt - auch das meinte Romero mal - fordern dazu auf, eine neue Rezeptionsebene einzunehmen. Wenn Gewalt nicht mehr in der Fantasie des Zuschauers stattfindet und stattdessen der explodierende Kopf in Nahaufnahme gezeigt, ergibt sich, nach Überwindung der Ekelempfindungen, eine neue Art der Ästhetik. Ähnlich dekonstruktivistisch geht Romero bei der Narration vor. Wenn die "erste" Metaebene - Untote als Gesellschaftallegorie -, die normalerweise interpretiert werden würde, vom Film in/während seiner Erzählung bereits flüssig mitgebracht wird, müssen wir automatisch eine andere/tiefere Ebene erreichen. Vor allem eine, bei der die Form dann noch mehr mitgedacht werden muss. Romero ist didaktisch einfach anders als Godard;). Wie Stresau schrieb, "braucht NIGHT noch seine expressionistischen Diagonalen", während DAWN uns bereits stärker eine symmetrische Achsentreue präsentiert. DAY ist dann im Jahrzehnt des Actionkinos ein entschleunigter Dialogfilm. Vor allem in der Montage viel gleichförmiger als DAWN. Aus dieser Kombination heraus ergeben sich dann neue Interpretationsmöglichkeiten bei denen wir das vom Werk normalerweise "Nicht-Gesagte" nicht sagen brauchen, weil es bereits gesagt wurde und daher übersprungen werden kann. Dadurch ergibt sich auch überhaupt erst das nahezu unerschöpfliche Verweissystem, das mir auch nach 17 Jahren, in denen ich die ersten drei Filme jetzt kenne, immer wieder neue Anregungen, Überlegungen, etc. beschert. :)

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  4. @ Außenseiter

    Ich würde davon zwar in bestimmten Fällen vielen Punkten zustimmen, gebe aber natürlich auch zu bedenken, dass diese Sichtweise letztlich doch einer gewissen Nachsicht bedarf: Die Simplizität von Symboliken und Metaphern der Kritik zu entziehen, indem man ihnen bewusste Eindimensionalität bescheinigt, und so mögliche tiefere Rezeptionsebenen in Aussicht stellt, ist zumindest eine These, die angreifbar ist, weil man sie schlussendlich über fast jeden einschlägigen Genrefilm treffen könnte.

    Insbesondere die Tatsache, dass Romero ja lange eine politische Deutung von NIGHT abgelehnt hat (und es später als "wütendes Pamphlet" bezeichnet hat), verträgt sich nicht allumfassend damit, dass er dem - eigentlich schwieriger und mannigfaltiger zu deutenden - DAWN eine offensiv-offensichtlichere Metaphorik bescheinigt, hinter der die eigentliche Interpretation beginnen darf.

    Ich glaube schon, dass man die DEAD-Filme als Revolutions-Allegorie rezipieren muss, und dass sie auch nicht als darüber hinausgehend konstruiert wurden - aber: Innerhalb dieser Parameter sind die Deutungen zahlreich und für das Genre einzigartig; gerade DAY lässt sich ja sowohl als Zwei-Gesellschaften-Modell lesen, als auch als Kritik und Verantwortungsappell an die Säulen moderner Staaten, oder als Analyse einer Extremsituation - nur um die drei gängigsten Interpretationsansätze zu nennen.

    Und genau dafür liebe ich Romero letztlich :)

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  5. Im Grunde sind wir uns schon einig bzw. sind Deine angemerkten Punkte eigentlich die Bedingung für das was ich meinte.

    Es geht mir nicht darum, die Symbole und Metaphern in irgendeiner Weise gegen Kritik immun zu machen. Natürlich kann man Romeros Filme auch auf der angebotenen narrativen Ebene interpretieren, darf sich dann aber nicht wundern, warum sie in manchen Punkten banal erscheinen. Die Vorgehensweise Romeros ist aber nun von Anfang an die Abstraktion von Strukturen. Eben deswegen hat er sich ja lange gegen eine politische Lesart von NIGHT gewehrt, da diese zu sehr an konkreten historischen Ereignissen orientiert wäre. Der Afro-Amerikaner Ben ist (erst mal) kein Symbol für die in den USA unterdrückte Minderheit, sondern für eine Dichotomie bzw. einen Außenseiter. So war er im Drehbuch am Anfang angelegt und deswegen stand seine Hautfarbe auch nicht fest. Dass die Rolle dann schließlich zufälligerweise von Duane Jones, also einem Farbigen, übernommen wurde, arbeitet durch einen erkennbaren rassischen Unterschied eine normalerweise erst zu interpretierende Ebene heraus. Das Ganze kann also auf kognitiver Ebene bis in die tiefsten Bereiche unterschiedlicher Strukturen, ihrer Auflösung bzw. der Koppelung von semiotisch vorhandenen und Nicht-Vorhandene Zeichen interpretiert werden. Das ist dann wiederum weit mehr als eine jede politische Interpretation (die natürlich genauso ihre Berechtigung hat und ja eben durch Koppelung ihrer mehrdimensionalen Implikationen wiederum eine Liaison mit der destrukturierenden und dekonstruktivistischen Vorgehensweise Romeros eingeht) und auch einer der Gründe, warum Romero zu solcherlei Verengungen, die festgelegte Interpretationen bieten, clevererweise keine Stellung bezieht. Mit dem Ausdruck des Pamphlets hat er sich da gut aus der Affäre gezogen.

    Es geht also nicht darum Interpretationen gegeneinander zu positionieren. Auch der Begriff der Ebene ist missverständlich, wurde von mir aber in Ermangelung einer Alternative gewählt, da die narrative Vorgehensweise Romeros relatives Neuland ist. Durch die Durchdringung der Zeichen, die sich bei Romero wiederfinden lässt, ohne dass eine saubere Trennung zwischen erzählter und symbolischer Ebene möglich wäre (was bei den von Dir angesprochenen Genrefilmen i.d.R. eher möglich ist) ergibt sich auch eine strukturelle Durchdringung von Genre- und Autorenfilm. Ähnliches hat Fincher etwas holpriger mit FIGHT CLUB versucht. Insofern denke ich auch, dass man die Untoten-Filme als Revolutions-Allegorie deuten kann, aber da bleibt es eben nicht stehen. Denn, und das ist zentral, er bietet keine Alternative an. Er fordert zwar eine Strukturauflösung, aber gleichzeitig eine Auflösung aller Strukturen. Das geschieht bei einer Revolution nicht. Die Filme können somit in eine Unendlichkeit der Auflösung gedacht werden. Selbst der Ursprung des "Garten Edens" wird im dritten Film ad absurdum geführt.

    Eigentlich würde ich Dir nur bei einer Sache widersprechen: Dass DAWN so viel schwieriger und mannigfaltiger zu deuten sei, als NIGHT. Vielleicht hat Romero Derrida nicht gelesen, aber er hat ihn verstanden. ;)

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