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6. April 2011

Shortie-Serienreview: Weeds


Es gibt Dinge, die lassen sich nicht rational erklären: Eigentlich ist „Weeds“ nur eine weitere Auflage, der in den letzten Jahren bis zu vollkommenen Redundanz gesteigerten Pseudo-Kritik an der amerikanischen Mittelschicht und ihrer Vorort-Idylle, welche ihren titelgebenden Drogen-Subplot noch nicht einmal besonders filigran in ein Geflecht aus Soap-Opera und Family-Sitcom integriert. Und doch steht „Weeds“ auch dafür Beweis, wie Serien durch das geschickte Anlegen von Charakteren und der wortgewandten Darstellung ihrer Interaktion innerhalb eines kleinen Kosmos etwas gelingen kann, was Filme in ihrer nötigen Prägnanz selten bis nie schaffen werden: Das Hervorrufen eines nur schwer zu definierenden Zugehörigkeitsgefühl zum portraitierten Schauplatz samt tiefer Sympathie für seine Bewohner, welches alle berechtigen Kritikpunkte vergessen macht - auch das ein Grund, warum die Serie mit ihrem Szenariowechsel nach Season 3 fast zwangsläufig scheitern musste.

Hätte ich nicht schon ein Chalet in Twin Peaks geordert, würde ich mich doch glatt nach einem Zimmer zur Untermiete bei den Botwins erkundigen.

8 / 10

5. Januar 2011

Serienreview: Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!


Ungeheuer spaßiger deutscher Ableger des 2002 gestarteten "I'm a Celebrity...Get Me Out of Here!"-Konzepts aus England, dass sich entgegen mannigfaltiger Pressestimmen stets weiterentwickelt hat: Reduzierten sich die etwas ungelenken Anfänge noch zu sehr auf die Präsentation des Neuen, und wussten mit dem Widerhall in den Boulevardmedien wenig anzufangen, entwickelte sich die - auf den Namen  "Dschungel-Camp" verkürzte - Serie schnell zur geschickten Satire über die Mechanismen der eigenen Branche weiter.

"Ich bin ein Star..." trägt den Hohn gegenüber seinen Teilnehmern schon im Namen, denn das hier niemals ernstzunehmende Persönlichkeiten des Rampenlichts aufschlagen würden, war nach dem ersten Trailer für jedermann offensichtlich. Anders als in thematisch ähnlichen Programmentwürfen, wurde dies jedoch nie verheimlicht oder gar verklärt - niemand entlarvte den Etikettenschwindel so schnell als eben selbigen, wie das (in der letzten Staffel zu Höchstform aufgelaufene) Moderations-Duo Bach/Zietlow in ihrem Off-Geplänkel oder im Baumhaus-Studio.

Das Faszinierende daran ist letztendlich auch, dass keine Sendung so souverän über den ihr gegenüber geäußerten Vorwürfen steht, wie diese: Sie bedient ihren Voyeurismus stets bewusst, auch weil es keinen Grund gibt, ihn zu verschleiern: Anders als diverse andere Reality-Formate sind hier niemals unbedarfte Opfer zu sehen, die am Ring durch die mediale Manege geführt werden, sondern ein Konglomerat von Branche-Produkten, deren Buhlen nach Aufmerksamkeit und die Möglichkeit einer Bühne durch die Aufgabe der persönlichen Würde erkauft werden - wer bereit ist mitzuziehen, kann auch am Erfolg partizipieren.
Plumper, aber gleichzeitig auch treffsicherer als durch ein Bad in Kakerlaken kann man die Funktionsweise von Sendeplatznachbarn wie "DSDS" nicht aufzeigen und karikieren.

Zeitgleich ist dieser Dschungel-Käfig aber natürlich auch eine Petrischale der Trash-Kultur, deren alleinige Beobachtung Freude und Ärger; stets aber Unterhaltung verspricht: Zickenkrieg und Zebrahoden - eine Erfolgsstory.

9 / 10

12. September 2010

Serienreview: Die Simpsons


Man ist als Sympathisant, als Fan, als was-auch-immer ja oftmals in Versuchung geführt, dem Produkt der Begierde alle nur erdenklichen Ehrungen und Würden zukommen zu lassen, die einem so ganz spontan in den Sinn kommen. Und so bezeichnete ich die "Simpsons" in meinen bisherigen Kommentar (der mir nunmehr als viel zu kurz und aussagelos erschien) als "(...) einzige Cartoon-Serie, die Einfluss auf die Popkultur hatte" und verwies auf studiVZ-Gruppen wie "Da gibt es doch diese Simpsons-Folge..." sowie zahlreichen Zitate mit spingfield´schen Ursprung, die wohl so manche Unterhaltung geprägt haben dürften.

Doch obgleich diese Sätze voller Lobhudelei und Ehrehrbietung steckten, wurden sie der gelben Chaos-Familie nicht ansatzweise gerecht: Groening hat mit seinen "Simpsons" nicht nur einen Stichwortgeber und Repetitor von Popkultur geschaffen; vielmehr IST seine Serie ein Stück andauernder Popkultur, gleichberechtigter Teilnehmer in einem Zirkel illustrer Persönlichkeiten von "B" wie Beatles bis "W" wie Warhol.

Ich bin sogar so selbstgerecht, und behaupte, die Aussagen im ersten Abschnitt stellen keineswegs nur eine Meinungsäußerung meinerseits dar, sondern könnten sich in etwas blumigeren Worten in jeder Enzyklopädie wiederfinden - man muss sich schließlich auch keinen Lichtenstein ins Wohnzimmer hängen, um ihn als Teil der modernen Kunst zu akzeptieren - sprich, man muss die "Simpsons" nicht mögen, um ihren objektiven Stellenwert anzuerkennen.
Aber genug von solchen Termen wie "nicht mögen" - in den folgenden Zeilen wird sich ausschließlich grenzenlose und hoffentlich halbwegs anständig formulierte und verpackte Glückseeligkeit wiederfinden.

Manch einer mag sich ja fragen, ob angesichts solcher Formate wie "South Park" oder "Family Guy" die "Simpsons" ihren Ruf als beste und anspruchsvollste Cartoon-Serie nicht langsam aber sicher abgeben sollten?! Mitnichten behaupte ich - denn die Simpsons bieten etwas, was es so noch nie in Trickserien gab und auch bisher nicht wieder gegeben hat: Nämlich eine emotionale Bindung an die Figuren. "South Park" mag weiter Richtung Schmerzgrenze gehen, vielleicht sogar mehr politischen Subtext bieten - aber dieses Mittendrin-Gefühl aus Springfield, diese Illusion, man kenne und schätze all diese Figuren und ihre Eigenarten langsam aber sicher persönlich - das stellt sich nur beim gelben Urgestein von Groening ein. Wo "Family Guy" Abziehbildchen und austauschbare Pointen bietet, da präsentieren sich die Simpsons trotz ihrer ebenfalls scherenschnittartigen Charakteranlage als durchaus ernstzunehmende, menschlich reflektierende und wandlungsfähige Figuren, deren Dialoge vielleicht nicht die Tabulosigkeit anderer Comic-Vertreter aufweisen, gleichwohl aber höchst amüsant und bisweilen sehr hintersinnig daherkommen können - sofern man sich denn ein bisschen Allgemeinwissen angeeignet hat, um die diversen Anspielungen überhaupt zu verstehen. Aber selbst wenn man mit dem zu vermeidenden Zustand des niedrigeren Intellekts geschlagen ist, finden sich genügend (qualitativ gute) Slapstick-Pointen um trotzdem seinen Frieden mit der Serie schließen zu können.

Insofern ist Springfield nicht weniger als das "Twin Peaks" unter dem Comicmetropolen (ein absoluter Superlativ, der nur sehr selten Anwendung in meinen Kritiken findet) - ein Ort, in dem man sich sofort heimisch und gut aufgehoben fühlen würde.

Man darf in einer Gesamtbetrachtung aber sicherlich auch nicht verschweigen, dass dieses fanboy´sche Wohlwollen in den letzten Staffeln mal mehr, mal weniger hart auf die Probe gestellt wurde: Die Überflutung an Cameos ohne wirklichen Bezug zur Handlung und ohne die satirischen Spitzen der älteren Folgen ihnen gegenüber, mag ein werbeträchtiger und finanziell sinnvoller Schachzug gewesen sein, der Serie qualitativ genutzt hat er nicht und erinnert beizeiten an die lieblosen Promi-Charaden aus dem Hause Dreamworks/Pixar & Co. Dazu kommt, dass das in Mode gekommene Umschreiben der einzelnen Werdegänge der Protagonisten und ihrer Beziehungen zueinander in den Rückblick-Folgen zum Teil stark an deren Glaubwürdigkeit und letztendlich auch an den Pfeilern der Sympathie zu ihnen sägt.

Aber letztendlich ist das Makulatur - denn spätestens wenn man irgendwann zwischen 18 und 19 Uhr Homers liebenswürdiger Debilität, Barts Gerissenheit, Lisas Besserwisserei, Marges Fürsorge, Maggies konsequentem Stillschweigen oder Flanders "dudelidü" beiwohnen darf, dann spendet mir das inneren Frieden und die Gewissheit, dass ich einem künstlerischen Erzeugniss teilhaben durfte, dass seinen Weg in die Annalen wohl schon längst gefunden hat.

8. September 2010

Serienreview: Twin Peaks


Gäbe es ein Reisebüro, welches Ferien ins Reich der Filmlandschaften vermitteln würde, dann ständen meine zukünftigen Urlaubsinvestitionen schon fest: Zum einen ein Kurztrip nach Pandora zwecks neuen, blauem Katzenhaar-Bettvorleger, ein Erlebnisurlaub nach Springfield zum Abgleich der eigenen Lebensphilosophie mit der von Homer und zu guter Letzt ein One-Way-Ticket nach Twin Peaks, meinem persönlichen Florida.

Es sind nicht die schier unzählbare Anhäufung von Cliffhangern, die vielen clever ineinander verstrickten Plots, die vielen kleinen Geheimnisse, die einen bei der Stange halten und regelrecht süchtig machen - es ist die Sympathie, die zum einen die Autoren Lynch und Frost, aber auch der Zuschauer selbst diesem Panoptikum aus schrägen Persönlichkeiten und Orten entgegenbringt. "Twin Peaks" ist nicht einfach ein Serien-Schauplatz, es ist ein in sich funktionierender Mikrokosmos, dem man für 29 wundervolle Folgen beiwohnen darf, als hätte man selbst ein Häuschen inmitten von Douglas-Tannen.

Ein durch und durch gelungenes Konzept, denn auf diese Weise sehe ich den Verantwortlichen auch den kleinen Durchhänger inklusive seiner unnützen und teilweise albernen Kleinststories zwischen der Enthüllung des Mörders und dem Staffelfinale nach, die einem in der zweiten Season heimsuchen.
Einen gewissen Hang zur Mystik sollte man schon mitbringen ,für seine Reise in die Stadt des schwarzen Kaffees, des Kirschkuchens und der zerbrochenen Badezimmerspiegel; keineswegs abschrecken lassen sollte man sich aber vom "Akte X"-Vergleich (ja, ich zähle zu denjenigen, die den "X-Files" so garnichts abgewinnen können): Außer oberflächlichen Gemeinsamkeiten, wie der Tatsache, dass Duchovny auch hier (in der einzig wirklich guten Rolle seines bisherigen Lebens) auftaucht, gibt es nämlich nur wenig Vergleichbares - Lynchs magnus opus ist in Quintessenz (vorallem in den ersten 1,5 Staffeln) mehr Krimi-Soap-Opera denn Außerirrdischen-Hokuspokus.

Nichtsdestotrotz kann man natürlich den prägenden Einfluss von "Twin Peaks" und seiner Geheimnisse auf den Rest der nachfolgenden Mystery-Serien nicht verleugnen - noch ein weiterer guter Grund, warum man diese Serie zumindest einmal gesehen haben sollte.

Am Rande: Ans Herz zu legen ist allen Interessenten zwecks katastrophal gemasterter deutscher Synchro-Tonspur, die englische Sprachfassung...

Serienreview: Rom


Eigentlich ist "Rome" ja nichts weiter als eine "Lindenstraße" mit R-Rating und Toga: Zwar bietet das Gesehene wahrscheinlich die akurateste filmische Darstellung der römischen Antike auf, angesichts diverser verklärender Sandalenfilme ist die Messlatte hier allerdings auch nicht gerade in schwindelerregender Höhe.


Eine Fernsehserie ist kein Brockhaus, und ich wäre der Letzte, der eine allumfassende Aufarbeitung der politischen Situation fordert, insofern ist es sicherlich zu verschmerzen, dass Personen wie Cicero (dessen Darstellung meiner Meinung nach deutlich zu negativ ausfällt) eher beiläufig behandelt werden und beizeiten zugunsten der Seriendramaturgie mehrere Monate - zum Teil Jahre - großzügig übersprungen werden. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es angesichts der Komplexität und der mannigfaltigen Erzählmöglichkeiten bezüglich des Staatsapparates sowie des politischen Lebens, wirklich noch die Handlungsstränge der beiden Legionäre Vorenus und Pullo gebraucht hätte: Ja, das Argument der Identifikationsfiguren hat hier seine Berechtigung, ebenso wie das Anliegen, auch das Leben außerhalb des Adels zu beschreiben - trotzalledem hat dieser Plot die meisten Glaubwürdigkeitsprobleme und zerfasert spätestens gegen Mitte der zweiten Staffel zu sehr in eine recht standardproblembeladene und belanglose Familientragödie.

Am Rande und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Dieses elendige Einfügen von voyeuristisch-verklemmten Sexszenen und dümmlich-blutigen Gewaltexzessen hat noch keine Serie besser gemacht - und "Rome" bildet da keine Ausnahme.

Viel Kritik, und trotzdem halte ich "Rome" für sehenswert, was ebenso mehrere Gründe hat: Zum einen sind die objektiven Kriterien alles sehr schön erfüllt worden - Ausstattung und Inszenierung sind herausragend, die Darstellerriege für eine Serienproduktion ordentlich. Wer auch nur ansatzweise mit solchen Sachen wie "Gladiator" und Co etwas anfangen kann, der findet hier zumindest optisch ein wahres Paradies vor.

Zum anderen entwickelt diese difuse Mixtur aus Politik und Daily-Soap-Liebeleien einen nicht zu verachtenden Suchtfaktor, dem man sich nach ein paar Folgen nur noch schwerlich entziehen kann.
Kurzum: "Rome" ersetzt sicherlich kein Geschichtsstudium, letztendlich will es das aber auch nicht - übrig bleibt eine unterhaltsame Soap der anspruchsvolleren Art im antiken Gewand. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

16. August 2010

Serienreview: Dexter

Ganz nett für zwischendurch, aber bei Weitem nicht so toll, wie alle immer behaupten -

Nachdem das Serienuniversum und dessen Zuschauer die Vorliebe für unkonventionelle Hauptcharaktere wiederentdeckt haben, war es nach miesmuffeligen Ärzten, neurotischen Privatdetektiven und alternden Playboys nur eine Frage der Zeit, bis man sich an etwas noch Gewagteres herantraut - also mal schnell die Kalkulierte-Schockeffekte-Maschine im Showtime-Hinterzimmer angeworfen, und heraus kam ein Serienkiller-Forensiker. Das ist ziemlich praktisch, denn auf diese Weise kann man technischen CSI-Schnickedöns, mutig-blutige Leichenberge und ein klein wenig Psychoknacks ohne größere Logikschwierigkeiten zusammenwürfeln - und so ein bisschen Mediziner ist so ein Leichenschnibbler ja schließlich auch.

All das klingt auf dem Papier hier nun deutlich spannender als es auf Zelluloid ist, denn schlussendlich ist "Dexter" in der typischen Seriendramaturgie und einem difusen MischMasch aus "American Psycho" (bei dem man schon beim Intro anfängt fleißig zu kopieren) und diversen US-Gerichtsmedizinerserien (die mit den oben bereits erwähnten hippen Schnickschnack wie Schwarzlicht und so) gefangen. Und da die Provokation über die scheinbare Moralität von Selbstjustiz prognostiziert als zu unsicher in ihrer Wirkung galt, gibt es zusätzlich kübelweise abgetrennte Arme, Beine und Köpfe, sowie literweise Blut, denn anscheinend gilt eine Serie heutzutage nur noch als ernstzunehmende Erwachsenenunterhaltung, wenn man sie auf Biegen und Brechen auf ein hohes Rating pusht (eine Praxis, die schon bei "Rome" und "Californication" nervtötend war).

Was die Serie halbwegs sehenswert macht, sind die Darsteller - allen voran Hall - die sichtlich Spaß an dem haben, was sie da gerade machen, sowie der eine oder andere Dialog/Monolog. Joa.

5 / 10

Serienreview: Californication

"Californication" ist eine Pseudo-Serie - Pseudocool, Pseudogewagt, Pseudokultig. -

Dass das Konzept der verfilmten Altherrenfantasie wie "Californication" sie zelebriert publikumsträchtig ist, hat schon "Two and a half men" gezeigt: Der unsympathische Duchovny darf nun den albernen Sheen als faul-versoffenen Frauenheld (aber leider nicht dessen quäkende Synchronstimme) ablösen und die flachen Späßchen wurde durch keineswegs intelligentere Vulgärzynismen ersetzt. Dann noch etwas mit full frontal nudity und einem Schuss "American Beauty" nachhelfen, um das Rating in neue Zielgruppen vorzupushen und schon haben wir eine neue Serie Marke Showtime. Funktioniert das Storyvakuum im Sitcomuniversum von "TAAHM" noch halbwegs ordentlich, offenbart sich hier, wie untauglich das Ganze im Rahmen einer Dramaserie doch sein kann. Hat sich seinen Platz im Nachtprogramm von RTL II redlich verdient und verweilt dort unter seinesgleichen...

3 / 10

Serienreview: Das Model und der Freak

Ja, ich gebe es zu, irgendwann - vor Jahren – habe ich schon mal reingezappt in „Das Model und der Freak“ und es erfolgreich verdrängt. Doch aller Vergangenheitsbewältigung der Betroffenen zum Trotz hat sich der wunderschön niveauvolle Newcomer-Sender „Sixx“ dazu entschlossen, diesen besonders grausigen Ausfluss deutschen Reality-TVs wieder ins Programm zu nehmen und ahnungslose Zapper wie mich damit zu behellen.

Kann man ja mit viel gutem Willen solche Sachen wie „DschungelCamp“ und „Frauentausch“ als soziologisch wichtiges Anschauungsmaterial deklarieren, so ist „Das Model und der Freak“ nur noch eine auf Zelluloid gebannte Grundrechtsverletzung und Volksverblödung.
Sinn der Sendung ist es „zwei Freaks bei ihrer Umwandlung vom in sich gekehrten Nerd oder Geek zum selbstbewussten Frauenhelden[zu] begleiten.“

Damit das funktioniert braucht man erst mal einen (zur Sicherheit aber doch besser zwei) „Freaks“. Der natürliche Lebensraum der Gattung „Freak“ besteht aus einer Ein-Zimmer-Sozialwohnung mit runtergelassenen Jalousien und ist dekoriert mit Postern der „Böhsen Onkelz“ und dicktittigen Computerspiele-Babes und herumliegenden Pizzakartons. Da dadurch allerdings der Unterschied zur Hauptzielgruppe des Formates noch nicht abschließend gegeben ist, hat man dem homo freakus noch seltsame Hobbies verpasst, etwa Musicals singen, mit Pflanzen sprechen oder erotische Gedichte schreiben. Nach spätestens drei Folgen drängt sich allerdings mehr und mehr auf, dass den Machern jegliche Art von Beschäftigung, die sich nicht in 24-stündigen Flirtmarathons und der dauernden Jagd nach dem nächsten Coitus manifestiert, suspekt ist. Insofern ist diese Community hier auch nur eine große Selbsthilfegruppe.

Damit diesen beiden bemitleidenswerten Gestalten – die wahrscheinlich alle ganz glücklich waren, bis ein verblödetes Familienmitglied auf die Idee kam, bei so einer Show mitzumachen sei „eine tolle Chance“ – geholfen werden kann, haben die kreativen Köpfe hinter diesem Machwerk keine Kosten und Mühen gescheut, die Crème de la Crème der deutschen Model-Szene als Be-happy-Coaches zu engagiert. Schon hier wird klar, wie dankbar man Heidi Klum sein muss – die hat zwar auch eine Stimme, wie man sie sonst nur vom Rollfeld eines Airports kennt, beherrscht allerdings im Gegensatz zu Ex-Pocher-Matratze Monica Ivancan, Pizzabäckerin Jana Ina und Co wenigstens auszugsweise deutsche Grammatik und Aussprache.

Sind die Fronten geklärt (was durch ein Freak – Model-Interview erfolgt, auf das die Stasi stolz gewesen wäre), kann es auch schon losgehen, auf dem Weg vom Freak zum Man of the Century. Dieser Pfad besteht aus drei Phasen bzw. Prüfungen, wobei die die finale Aufgabe eines der beliebten Privatsender-Umstyling und Shoppingausflüge in den nächsten H&M ist. Das erscheint unsinnig, da die Kandidaten erst dann passabel aussehen, wenn alles schon vorbei ist – andererseits wäre ja auch das ganze schöne Konzept hinüber, wenn man die beiden Freaks nicht zuerst an der Leine durch die Arena führen könnte. Zuckerbrot und Peitsche nannte Bismarck das.

Den traurigen Höhepunkt bilden dann eben jene zwei Prüfungen, die dazu dienen sollen, aus den „schüchternen sozial-inkompetenten Nerds“ offene und brauchbare Mitglieder unserer Gesellschaft zu machen. Diese Aufgaben sind absolut aus dem Leben gegriffen, und würden von jedem Normalo ohne weiteres und ohne Diskussionen mit größter Freude ausgeführt. Da stehen solche alltagstauglichen Dinge auf dem Programm wie „Verkleidet als Baywatch-Depp mit Boje und Sonnencreme andere Badegäste vorm Sonnenbrand schützen“, erotische Fotoshootings arrangieren, Anheitzer und Käfigtänzer in einer Techno-Disco, Nacktmodel und und und. Natürlich alles unter dem großen Motto: „Barrieren überwinden und Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht herstellen“ – damit kennen sich die Mode-Damen anscheinend aus, liegt es doch nahe, dass sie durch „Barrieren überwinden und Körperkontakt zum anderen Geschlecht“ die meisten ihrer Aufnahmen und Arrangements für das Modeparadies Köln-Kalk ergattert haben.

Sind diese zwei Sachen dann unter viel Tränen und durch zwei Werbeblöcke unterbrochen endlich vorbei, geht es zum besagten Umstyling, wo man hofft, dass man durch viel Haargel und Haarspray auch die Persönlichkeit der Freak-Dummbrote soweit verändern kann, bis sie vollkommen durchschnittliche Dummbrote geworden sind. Auch in diesem Punkt haben die Alpha-Blondchen eindrucksvoll vorgemacht wie es funktioniert. Dazu gibt’s noch super-trendy Klamotten (mit denen sich kein Hetero und wahrscheinlich auch kein Schwuler mit einem Rest von Augenlicht und Verstand, jemals in der Öffentlichkeit zeigen würde) – aber da das Budget nicht für Ed-Hardy, RayBan und ähnlich oberhippe Designer-Sachen reicht, gibt’s halt nur Glitzer-Gilmmer-Müll von der Stange und eine formschöne Pilotenbrille von Fielmann. Muss auch gehen.

Und schwupps, schon hat uns das Privatfernsehen zwei weitere glückliche members of society geschenkt. Wir sagen: Dankschön!

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