4. Januar 2012

Kurzkritik: Angst essen Seele auf

„Wir werden reich sein, Ali...“ -

Nicht nur wegen seiner zentralen Stellung in Fassbinders Werkkatalog, sondern auch aufgrund seiner Thematik ein Film, der trotz seiner vermeintlich klaren historischen Verortung heute aktueller den je erscheint. Inmitten seiner Sirk-Phase fungiert ANGST ESSEN SEELE auf, nicht nur als Verbeugung vor der Meisterschaft seines Vorbilds, sondern auch als großartiger Rezipient dessen Schaffens: Den feinen Zynismus eines ALL THAT HEAVEN ALLOWS, der im Mantel des kitschigen Melodrams mit der amerikanischen Vorort-Gesellschaft abrechnete (zum immer wieder genießen: Der Damhirsch), überführt Fassbinder dabei ins deutsche Arbeitermilieu der 60er- und 70er Jahre, und beraubt ihm seiner hollywoodesken Konsumierbarkeit.

In schmucklos-tristen Bildern seziert der Film (dessen Arbeitstitel „Alle Türken heißen Ali“ fast noch besser gepasst hätte) dabei nicht weniger als den deutschen Kleingeist und die Probleme eines Zuwanderungslandes, das mental noch immer auf Abschottung zu setzen scheint. Der Blick von Fassbinder, der sich selbst in der Bürgergesellschaft, die ihn umgab, nie wirklich wohl fühlte, ist ein pessimistischer; auch, oder gerade weil eine ungleiche Romanze als Aufhänger seiner Geschichte dient. Die Liaison von deutscher Putzfrau und marokkanischen Gastarbeiter (großartig: Brigitte Mira und El Hedi ben Salem) ist bei ihm kein Hort der Wärme, sondern eine aus der Not geborene Zweckgemeinschaft zweier einsamer Seelen, und selbst das schlussendliche Zusammenfinden scheint eher auf Gewöhnung den Liebe zu fußen, und steht unter keinem guten Stern. 

Besser kann man einen universellen Stoff nicht adaptieren und spezifizieren. Ein wichtiger Film, der seine Zuschauer aufgrund der Gewissheit, kein längst vergangenes Zeitgeistdokument, sondern eine auch heutzutage noch wahre Problemstudie gesehen zu haben, mit einem unwohlen Gefühl in Magen und Kopf entlässt. Meisterwerk.
9 / 10
erschienen bei: Mehrfilm

Kommentare:

  1. In jeder Hinsicht einverstanden. Der Film übte seinerzeit eine ungeheure Wirkung auf uns aus und verlockte viele erst so recht zu Fassbinder. Die Mira war ja nach diversen Auftritten in Fernsehsendungen eher als Ulknudel schubladisiert worden - und bot eine erschütternde Figur. Die Aktualität des Films bleibt tatsächlich. Wäre was für die "Aktion DÖS" gewesen.

    AntwortenLöschen
  2. Danke! Hätte gerade auch Lust auf eine größere Fassbinder-Retro, aber dazu fehlt mir momentan einfach die Zeit. Aber steht auf jeden Fall auf meiner Agenda :)

    AntwortenLöschen
  3. Das mit dem Zeitproblem ist mir nur allzu vertraut, aber deine Kurzreviews packen den Kern der Filme bisher sehr gut. Das sind zielsichere Zugriffe, die mir gut gefallen. ANGST ESSEN SEELE auf habe ich lange nicht mehr gesehen, aber mir scheint noch im Rückblick dein Eindruck sehr zutreffend. Fassbinder stieß in wirkliches künstlerisches Neuland für den deutschen Film vor, dessen Bedeutung heute mindestens ebenso groß ist wie damals.

    Eine Fassbinder-Werkschau wäre wirklich ein Unternehmen für die Aktion DÖS, aber - auch da gab mir dein Review noch einen Hinweis - eine Sirk - Schau müsste man vorschalten.

    AntwortenLöschen
  4. Danke für das Lob, und auch zum sonstigen Gesagten volle Zustimmung. :)

    Eine Fassbinder-Werkschau gekoppelt mit einer Sirk-Retro klingt nach einer verlockenden Abwechslung für den Rentenalltag. Die beiden waren ja nicht gerade faul. Wobei ich zumindest den klassischen Sirk-Kanon sowie die Anfänge bereits durch habe.

    AntwortenLöschen