27. Januar 2011

Kritik: The Texas Chainsaw Massacre II

„Sex or saw?“ -

Publikum und Kritik meinten es nicht immer gut mit Tobe Hooper, und so kann man es fast schon zu den Kuriositäten des Genrekinos zählen, dass die Rezeption seiner beiden wohl populärsten Filme nie den dahinter stehenden Intentionen des Regisseurs zu entsprechen  schien.

Sein zweites Werk TEXAS CHAINSAW MASSACRE gilt aufgrund seiner Originalität und der Ökonomie seiner Mittel als nahezu unumstrittener Meilenstein des sich damals gerade neu formierenden Horrorfilms, die schwarzhumorige Abrechnung mit einer in ihren Gegensätzen gefangenen Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit dem Patriarchat nahmen - wohl auch aufgrund der zahlreichen Gewaltdiskussionen und Beschlagnahmungsbeschlüsse in aller Herren Länder - aber nur die wenigsten zeitgenössischen Kritiker wahr. Ein Umstand der, von wenigen  revisionistischen Auseinandersetzungen abgesehen, bis heute Bestand hat.

Es dauerte über zehn Jahre, bis Hooper seinen Stoff abermals aufgriff, und durch den bewussten Verzicht auf Subtilität den von jeher schwarzhumorigen Charakter seiner Schlächtersippe hervorheben und zu verdeutlichen versuchte. Ein Ansinnen, das trotz seiner Offensichtlichkeit wenig Zuspruch und Anerkennung fand - TEXAS CHAINSAW MASSACRE II blieb trotz dem Zugpferd Dennis Hopper weit hinter den finanziellen Erwartungen aller Beteiligter zurück.

Nach wie vor hält sich das Gerücht, Hoopers verschmitzt an den Produzentenanforderungen und den Publikumserwartungen vorbei inszenierte Reflexion über das eigene Frühwerk, tauge maximal als undurchdachter und amokgelaufener Franchise-Trash - eine Bewertung, die es zu hinterfragen gilt.

TCM II fasziniert vor allem im Kontext seiner konsequenten Verkehrung des Vorgängers in stilistischer Hinsicht, aber auch in der Weiterentwicklung der Erzählung: Einst von der zunehmend spürbar werdenden Kapitalisierung der heimischen Wirtschaft in die Ödnis verbannt, gelang es Leatherface und Familie sich mit dem System zu arrangieren, es sich mit ihrem Konzept der Humanschlachterei sogar zu Nutzen zu machen. 
Nichtsdestotrotz: Es bleibt die Illusion einer Akzeptanz, derer man auf den Grundfesten des amerikanischen Selbstverständnisses - innerhalb eines verfallenen Freizeitparks - frönt; die Außenseiterstellung blieb stets erhalten, auch wenn sie nun weniger offensichtlich ist.
Selten war politisches Kino so beißend in der Bebilderung real existenter Probleme, und zeitgleich doch so ehrlich seinem Unterhaltungsanspruch verschrieben, wie hier.

Denn Tobe Hoopers zweiter Aufguss seiner Kettensägen-Geschichte bleibt auch fernab seiner gesellschaftskritischen Lesarten goutierbar; gelingt es ihm doch, unter Wegfall der dokumentarischen Inszenierung des Vorgängers, einen durchweg charmanten Vertreter der noch nicht ausgeprägten Verquickung von Horror und Komödie zu erschaffen.

Unaufdringlich und doch äußerst liebevoll zitiert sich TCM II dabei von RAMBO III bis Cravens NIGHTMARE ON ELM STREET durch die damals zeitgenössische Film- und Popkulturlandschaft, und verweist bei passender Gelegenheit auf den hauseigenen Vorgänger.
All dies fügt sich sehr homogen zu einem großen Ganzen, ist gerade wenn es um das Aufgreifen von Gewalt als Sexsurrogat im Mantel klassischer Märchenmotive geht, auch durchaus hintersinnig.

Ein schwer unterschätzter Geheimtipp, und der letzte Film unter diesem Label, bevor die Ikonisierung von Leatherface zum dümmlichen Franchise-Brei mutierte.

8.0 / 10

Kommentare:

  1. Dieser Film war glaube ich mein erster echter Hassfilm ever, dazu kam eigentlich nur „Nackt und zerfleischt“. TCM2 muss ich wohl wirklich nochmal sehen. Vielleicht werde ich ihn ganz anders begreifen als damals.
    Doch vorher muss ich eine Uncut-Version von Teil 1 besorgen, jetzt, wo ich nach vielen Jahren gemerkt habe, dass die Version auf meiner 5-Euro-DVD geschnitten ist. - Ich dachte der ist einfach nicht so brutal.

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  2. Oha, wenn ich mich richtig erinnere, ist die deutsche Version von TCM I ja ein wahrhaftiges Schnittmassaker mit 15minütiger Zensur - da lohnt ein Neukauf wohl tatsächlich. Brutal im eigentlichen Sinne fand ich allerdings auch die Uncut-Fassung nicht, es gibt fast keinen Terrorfilm, der so wenig Blut zeigt, wie das Original-Kettensägenmassaker; was freilich nichts über die hochgradig verstörendene Atmosphäre aussagt.

    Alleine bist du mit deinem Hass auf TCM II ja nicht; ich glaube der "Fehler" liegt oftmals darin, dass viele Hoopers Ansatz, seinen ersten Teil in allen Belangen spiegeln zu wollen, nicht erkennen, und folglich vom überdrehten Charakter des Films enttäuscht sind.

    NACKT UND ZERFLEISCHT zählt dann allerdings auch bei mir zu den großen Hassfilmen :)

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