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28. September 2011

Shorties: Leatherface - Texas Chainsaw Massacre III

"So? How do you like Texas?" - 

Trautes Heim, Glück allein: Mit neuer Verwandtschaft ausgestattet darf „Leatherface“ im gleichnamigen Film nach den beiden kongenialen und stets mit der Erwartungshaltung von Kritik und Publikum brechenden Vorgängern aus dem Hause Hooper nun schlussendlich also doch die Verwandlung zum Franchisekiller durchlaufen: Horror-Handwerker Jeff Burr ist trotz geringfügig veränderter Ausgangssituation nicht viel an Eigenständigkeit gelegen, sehr stark verlässt sich LEATHERFACE auf die im Genre mittlerweile selbst zur Konvention gewordenen Tabubrüche der beiden Vorbilder und die damit verbundenen Mechanismen. Besonders mutig oder gar wegweisend, wie es TCM I und II auf ihre Art und Weise waren und sind, ist dieses mit Action angereicherte Potpourri aus Dauerzitaten, Gekröse und eliminierten Subtext deshalb wahrhaftig nicht - amüsant anzusehen ist all das aber nichtsdestotrotz, und insbesondere im Vergleich mit den später folgenden PlatinumDunes-Gurken gibt LEATHERFACE mit großer Wahrscheinlichkeit tasächlich auch das veritablere "Remake" des Originals ab.
Außerdem: Viggo Mortensen (!) als zwielichtiger Maniac. 

6 / 10

27. Januar 2011

Kritik: The Texas Chainsaw Massacre II

„Sex or saw?“ -

Publikum und Kritik meinten es nicht immer gut mit Tobe Hooper, und so kann man es fast schon zu den Kuriositäten des Genrekinos zählen, dass die Rezeption seiner beiden wohl populärsten Filme nie den dahinter stehenden Intentionen des Regisseurs zu entsprechen  schien.

Sein zweites Werk TEXAS CHAINSAW MASSACRE gilt aufgrund seiner Originalität und der Ökonomie seiner Mittel als nahezu unumstrittener Meilenstein des sich damals gerade neu formierenden Horrorfilms, die schwarzhumorige Abrechnung mit einer in ihren Gegensätzen gefangenen Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit dem Patriarchat nahmen - wohl auch aufgrund der zahlreichen Gewaltdiskussionen und Beschlagnahmungsbeschlüsse in aller Herren Länder - aber nur die wenigsten zeitgenössischen Kritiker wahr. Ein Umstand der, von wenigen  revisionistischen Auseinandersetzungen abgesehen, bis heute Bestand hat.

Es dauerte über zehn Jahre, bis Hooper seinen Stoff abermals aufgriff, und durch den bewussten Verzicht auf Subtilität den von jeher schwarzhumorigen Charakter seiner Schlächtersippe hervorheben und zu verdeutlichen versuchte. Ein Ansinnen, das trotz seiner Offensichtlichkeit wenig Zuspruch und Anerkennung fand - TEXAS CHAINSAW MASSACRE II blieb trotz dem Zugpferd Dennis Hopper weit hinter den finanziellen Erwartungen aller Beteiligter zurück.

Nach wie vor hält sich das Gerücht, Hoopers verschmitzt an den Produzentenanforderungen und den Publikumserwartungen vorbei inszenierte Reflexion über das eigene Frühwerk, tauge maximal als undurchdachter und amokgelaufener Franchise-Trash - eine Bewertung, die es zu hinterfragen gilt.

TCM II fasziniert vor allem im Kontext seiner konsequenten Verkehrung des Vorgängers in stilistischer Hinsicht, aber auch in der Weiterentwicklung der Erzählung: Einst von der zunehmend spürbar werdenden Kapitalisierung der heimischen Wirtschaft in die Ödnis verbannt, gelang es Leatherface und Familie sich mit dem System zu arrangieren, es sich mit ihrem Konzept der Humanschlachterei sogar zu Nutzen zu machen. 
Nichtsdestotrotz: Es bleibt die Illusion einer Akzeptanz, derer man auf den Grundfesten des amerikanischen Selbstverständnisses - innerhalb eines verfallenen Freizeitparks - frönt; die Außenseiterstellung blieb stets erhalten, auch wenn sie nun weniger offensichtlich ist.
Selten war politisches Kino so beißend in der Bebilderung real existenter Probleme, und zeitgleich doch so ehrlich seinem Unterhaltungsanspruch verschrieben, wie hier.

Denn Tobe Hoopers zweiter Aufguss seiner Kettensägen-Geschichte bleibt auch fernab seiner gesellschaftskritischen Lesarten goutierbar; gelingt es ihm doch, unter Wegfall der dokumentarischen Inszenierung des Vorgängers, einen durchweg charmanten Vertreter der noch nicht ausgeprägten Verquickung von Horror und Komödie zu erschaffen.

Unaufdringlich und doch äußerst liebevoll zitiert sich TCM II dabei von RAMBO III bis Cravens NIGHTMARE ON ELM STREET durch die damals zeitgenössische Film- und Popkulturlandschaft, und verweist bei passender Gelegenheit auf den hauseigenen Vorgänger.
All dies fügt sich sehr homogen zu einem großen Ganzen, ist gerade wenn es um das Aufgreifen von Gewalt als Sexsurrogat im Mantel klassischer Märchenmotive geht, auch durchaus hintersinnig.

Ein schwer unterschätzter Geheimtipp, und der letzte Film unter diesem Label, bevor die Ikonisierung von Leatherface zum dümmlichen Franchise-Brei mutierte.

8.0 / 10

22. Januar 2011

Kritik: Texas Chainsaw Massacre (1974)

Things happen here they don‘t tell about.“ -

Es ist eine bewegte Geschichte, auf die Tobe Hoopers zweites Werk zurückblicken kann: Hierzulande nach wie vor wegen seiner angeblichen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt, zählt es seit seiner Uraufführung nicht nur zu den kontroversesten Genrebeiträgen überhaupt, sondern auch zu den wenigen Kinofilmen, denen die Ehre zuteil wurde, als Ausstellungsstück in die Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art aufgenommen zu werden.

TEXAS CHAINSAW MASSACRE ist ein Film, über den viel diskutiert wurde, oftmals noch immer wird, und dessen Rezeption vermehrt doch nur auf Nebensächlichkeiten gründet. 
Die visuelle Aufarbeitung von Horror ist für Hooper kein Selbstzweck oder dem Bedienen etwaiger Genrekonventionen geschuldet, sondern weit mehr der Ausfluss eines ebenso rohen, wie doch hintersinnigen Portraits eines verunsicherten Landes.

So lässt sich sein Werk auch nur schwerlich vom Kontext seiner Zeit lösen; zu allgegenwärtig ist die Aufarbeitung einer durch Umbrüche und Vietnam-Krieg geschundenen Gesellschaft: Es ist ein Szenario, in dem eine freie Jugend mit einem reaktionären Familienentwurfs konkurriert, in dem städtische Aufklärung auf ländliche Sitten trifft.
Es sind die versteckten Wünsche nach der konservativer Rollenverteilung, die Unterordnung unter ein Patriarchat, die der Regisseur mit seiner Schlächtersippschaft pervertiert und karikiert. Hoopers Mörderbande ist dabei nicht das dunkle Gegenstück zur klassischen, amerikanischen Familie, sondern deren satirische Überhöhung zum Zweck der Entlarvung ihrer Unterdrückermechanismen.
So mag es letztendlich auch nicht verwundern, dass selten mehr Symbolkraft von einem „Final Girl“ ausging, als hier.

Trotz alledem simplifiziert TCM seine Feindbilder nicht unnötig, letztendlich stellt der Film sogar durchaus bewusst die Frage danach, ob die Suche nach Rückhalt innerhalb einer  starken Kleingemeinschaft - auf beiden Seiten - nicht doch auch kausal auf der Angst vor einer zunehmend abstrakter werdenden Entwicklung von Wirtschaft und Politik gründet, und deshalb zwar nicht gerechtfertigt, aber doch nachvollziehbar sei, um die eigene Ohnmacht zu verarbeiten.

Kunst dient hier als Form des Protestes, als ein weiterer Schritt in Richtung jenes politisierten Genrekinos, welches Romero wenige Jahre zuvor begründet hatte.
Folgerichtig verzichtet Hooper auf die Ikonisierung seines Maniac-Killers, und greift auch nicht auf die klassische Filmstruktur zum Erzählen seiner Parabel zurück, sondern ordnet seine gesamte Inszenierung einem nahezu dokumentarischen Duktus unter, dessen Kamera zwar stets vor Ort ist, aber doch bewusst die Distanz zu den Figuren sucht.

Es mag abgestanden klingen, aber es ist doch wahr: TEXAS CHAINSAW MASSACRE ist tatsächlich jener ungeschönte und unverfälschte Terror, von dem man immer wieder liest.
Tobe Hooper zeigt in seinen fahlen und verwaschenen Bildern alles, und doch nichts; Brutalität erscheint innerhalb seines Sujets viel zu alltäglich und omnipräsent, um sie tatsächlich zelebrieren zu müssen.
Insofern wird TEXAS CHAINSAW MASSACRE auch weder seinem Original-, noch seinen vielen Aufmerksamkeit heischenden Verleihtiteln ganz gerecht: Es gibt zwar oftmals blutigere, aber selten verstörendere Horrorwerke.  TCM ist essentielles und großartiges Genrekino, aber für viele heutige Rezipienten wahrscheinlich auch gewöhnungsbedürftig in seiner Langsamkeit.

9 / 10